DER UMSTRITTENE JESUS







Leonard Swidler


Mit einem Vorwort von Pinchas Lapide
























Chr. Kaiser

Chr. Kaiser, Gütersloh, 1993


Quell Verlag, Stuttgart, 1991




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INHALT



Einleitung

1




I.

 Jesus ist der Maszstab, was es heiszt, christlich zu sein

3




II.

 Jesus und seine Anhänger waren keine Christen-sie


  waren Juden:  Folgen für Christen heute

36




III.

Jesus, Feminist und Androgyn:  ein integrierter Mensch

65




IV.

 Kann man Heil nur durch Jesus, den Christus erlangen?

95

VORWORT


Wiederum ein neues Jesusbuch!


Als gäbe es ihrer nicht bereits eine Plethora auf dem Büchermarkt. Doch halt! Hier geht es um ein Meisterwerk, das endlich Ernst macht mit den drei fundamentalen Gegebenheiten des Nazareners, die bislang im Christentum meistens zur theologischen Irrelevanz entwürdigt wurden: seinem “wahren Menschentum”, seinem gläubigen, all-umfassenden Judesein, und, nicht zuletzt, darum, dasz er zwar zum Christus der Heidenkirche erhoben wurde, aber, angesichts unserer noch immer unerlösten Welt, nicht der von den Juden erwartete Messias ist.


Bei Swidler trifft man einen lebendigen Menschen namens Yeshua, dessen Fleisch oft schwer war wie das unsere (Mk 14,28), der hie und da versagen kann (Joh 6,66), der irren darf (Mt 10,23), der in Angst gerät (Mt 26,37), Blut schwitzt (Lk 22,44) und ausgelacht werden kann (Mt 9,24).


Gerade diese Züge aber gehören zu den Eigenschaften eines jeden Menschen.


Den Christen sei ihr Credo vom “wahren Gott und wahren Menschen” natürlich unbenommen. Das Anliegen eines jüdischen Theologen jedoch ist der wahre Mensch Jesus; also: eine historisch bedingte Jesuologie.


Hier steht Yeshua vor uns, wie auch der christliche Theologe Leonard Swidler ihn mit überwältigender Einfühlsamkeit zu schildern weisz. Ein vorbildlicher Mensch, dieser Yeshua, der nicht von vornherein seine Identität und seine Sendung deutlich erfaszte, sondern sich in allen prägenden Abschnitten seines Lebens zu konkreten Entscheidungen durchzuringen hatte.


So wird der Leser bei der Lektüre allmählich mit seinen eigenen Existenzängsten und Entscheidungsnöten unmittelbar angesprochen.


Dasz dieser Galiläer ein frommer Jude war, der vierzehnmal in Neuen Testament asl “Rabbi” tituliert wird, hat in der Kirche seit über achtzehnhundert Jahren unüberhörbares Unbehagen hervorgerufen. “Das Kreuz mit dem Juden Jesus”-so könnte man diesen pseudotheologischen Widerwillen nennen, der keimhaft schon in den Evangelien beginnt und von dort über die Kirchenväter bis in die heutige Jesus-Literatur hineinreicht.


Vom 2. Jahrhundert an wurden ernste Schritte unternommen, um dieses “Skandalon” aus der Welt zu schaffen, zu bagatellisieren oder totzuschweigen.


In der Tat, es ist und bleibt das Skandalon der Kirche, dasz das Christentum der einzige Weltreligion ist, deren Heiland Zeitlebens einen anderen Religion angehört hat!


Schlieszlich wurde er-gemäsz dem Neuen Testament-als Jude geboren und am achten Tage seines Lebens beschnitten (und deshalb feiert die Christenheit hier Neujahrsfest am 1. Januar, am Tage seiner Judewerdung!). Im 13. Jebensjahr wurde er jüdisch “konfirmiert”-Barmitzwah. Zuguterletzt wurde er von Römerhand als jüdischer Märtyrer gekreuzigt.


Nichts, was Yeshua je getan, gesagt, wollbracht oder unterlassen hat, hat sein gebürtiges Judentum verletzt oder überschritten.


Swidlers und mein Anliegen ist nicht dieZensur des Kirchenkanons oder gar die Einebung des Nazareners!


Anderseits stellt sich immer wieder die Frage: Sind Übersetzungsfehler, Fehldeutungen und Vorurteile in der theologischen Überlieferung heilig und unkorriegierbar?


Es gilt also, in Predigt, Katechese und Verkündigung dem irdischen Yeshua endlich gerecht zu werden.

Es gilt den historischen Hintergrund des Auseinandergehens der Glaubenswege von Juden und Christen sachgemäsz zu erhellen

Es gilt auf alle jüdischen relevanten Quellen zurückzugreifen, um Yeshuas Lehre und Botschaft von den Überlagerungen einer sechzehnhundertjährigen Entfremdung zu befreien.


Denn ohne die Torah vom Sinai, von der er auf kein Jota verzichetn wollte (Mt 5,17ff.), gäbe es keinen Rabbi von Nazareth.


Ohne seinen unerschütterlichen Glauben an den Gott Israels gäbe es kein Vater-Unser-Gebet.


Ohne der jüdische Messias-Hoffnung-wie sie Jesaja, Jeremia, Micha und der anderen Propheten kündeten-gäbe es keine jesuanische Heils-Zuversicht.


Wo bleibe ohne Jesu Judesein das Christentum?


Leonard Swidler is ein Schritmacher in der Erkenntnis dieses langverdrängten Tatbestandes. Seinem Buch, das ein wichtiger Beitrag zum christlich-jüdischen Dialog ist, sind viele aufgeschlossene Leser zu wünschen!


Frankfurt a. M., im Dezember 1990

Pinchas Lapide

:

EINLEITUNG


Auf diesen Seiten spreche ich als moderner christlicher Theologe-nicht so sehr über Christus, sondern vielmehr über den historischen Jesus, oder richtiger:  Jessus, den religiösen Juden, der vor fast zweitausend Jahren auf derselben Erde wie ich umherging. Er ist keine tote Figur für mich. Er ist von höchstem Interesse nicht nur für mich, sondern auch für viele Menschen unserer Zeit. Ich möchte behaupten, dasz es Jesus ist, der für Christen der Maszstab ist was es heiszt, christlich zu sein, der das Modell dafür ist wie ein volles, mensch­liches Leben zu leben ist. All die Lehrsätze über ihn müssen als Mittel gewertet werden, ein klareres, vollkommeneres Bild seiner historischen Realität zu erhalten und dürfen sich nicht als verwirrende Entstellungen der im Brennpunkt der christlichen Religion stehenden Figur auswirken.


Gleichzeitig sollten die christlichen Lehrsätze über die Göttlichkeit von Christus nicht als bedeutungslos zur Seite geschoben werden. Sie sind nämlich Versuche, in spezifischen kulturellen Denkkategorien die Begegnung mit dem “Trans-zendenten”, d.h. mit dem, was über das Alltägliche hinausgeht, und das Christen in Jesus finden, zu vermitteln. Sie müssen richtig verstanden und in heutigen Denkkategorien neu ausgedrückt werden.


Wenn wir auf den historischen Jesus durch die refraktierenden Linsen der Evangelien und einiger anderer hilfreicher Dokumente schauen, wird auf der Stelle klar, dasz er ein Jude war, ein sehr eifrig prakti­zierender Jude bis zu seinem letzten Atemzug, als er mit einem jüdischen Gebet zu dem jüdischen Gott auf den Lippen starb. Es wird auch offen­sichtlich, dasz er nicht der von den Juden erwartete Messias war; aber er wurde der Christus, durch den die Nicht-Juden den einen wahren Gott der Juden kennenlernten. Die Tatsache, dasz Jesus und seine Anhänger jüdisch waren bedeutete, dasz sie auch jüdisch dachten und sprachen, was wiederum schwerwiegende Implikationen für das gesamte spätere Verständnis des Jesus Ereignisses hat.


Obwohl Jesus für alle ein Modell, wie ein volles, menschliches Leben zu leben ist darstellt, fühlte er sich offensichtlich besonders verantwortlich für die Unterdrückten der Gesellschaft, und ganz besonders für die gröszte unterdrückte Klasse seiner und jeder anderen Gesell­schaft: die Frauen. Um es kurz zu sagen: Jesus war ein Feminist. Auch durchbrach er die Stereotypen der sogenannten femininen und maskulinen Charakteristika und liesz sie in seinem eigenen Wesen verschmelzen, womit er ein androgynes Modell für alle Menschen aufzeigte. Es gibt natürlich eine ganze Liste verschiedener Dimensionen wie Jesus einem vollen, menschlichen Leben Form gab, aber dieses Kapitel, das diese Dimensionen vorstellt, ist die Eröffnung von jenem Projekt, das der/die Leser/in selbst unendlich weiterführen kann.


Die letzte Gruppe von Reflexionen bemüht sich, dem anmaszenden christlichen Triumphieren Einhalt zu gebieten, das traditionell den exklusiven Anspruch vertrat, ein Leben von Ganzheit, Heiligkeit, Heil sei nur entlang des Wegs von Jesus, dem Christus möglich. So nicht. Der/die christliche Missionar/in-und alle Christen sollen Missionare sein, das heiszt Menschen, die in die Welt gesandt sind, um Zeugnis darüber, was sie in Jesus gefunden haben abzulegen-musz in der neuen Zeit des Dialogs nicht nur Zeugnis geben, sondern musz auch bezeugt werden. In einem Wort, er/sie musz in den Dialog treten, um ein immer volleres Verständnis der Wirklichkeit und der Quelle von allem zu bekommen.

I


JESUS IST DER MAszSTAB DESSEN,

WAS ES HEIszT CHRISTLICH ZU SEIN


Ich möchte behaupten, dass Jesus, der Maszstab dessen ist, was es heiszt christlich zu sein. Zunächst könnte es so aussehen, als sei dies eine sehr naheliegende Forderung, die von allen Christen zweifellos akzeptiert wird. Tatsächlich mag sie von allen Christen theoretisch akzeptiert sein, aber ich fürchte, dasz sie nicht von allen Christen in der Wirklichkeit ihres Glaubens akzeptiert wird. Zum Teil liegt dies daran, dasz viele Christen eine sehr diffuse Vorstellung über die Bedeutung und die Implikationen der drei wichtigsten Worte in diesem Satz haben:  Jesus, christlich, Maszstab. Lassen Sie uns zunächst die Bedeutung der Worte klären.

 

1. Die Bedeutung des Namens “Jesus/Jeschua”


Wir wissen, dasz der Name “Jesus” einfach eine lateinische Form des griechischen “Iesous” ist. Eigentlich ist Iesous ursprünglich kein griechischer Name, sondern vielmehr einfach eine griechische Form eines hebräischen Namens, nämlich  “Jehoschua” (das biblische “Joschua”), was “JHWH (wahrscheinlich Jahweh ausgesprochen) ist Heil” bedeutet. Es ist nicht schwer zu erkennen, Jehoschua, was in der Umgangssprache manchmal zu Jeschua oder sogar zu Jeschu abgekürzt wurde, übertragen wurde in das griechische Iesous und das lateinische Jesus. Unglücklicherweise ging durch die Entwicklung des Namens Jeschua, Jesu von der ursprünglichen Form in die verschiedenen von Christen gesprochenen Sprachen etwas Wichtiges ver­loren. Vor allen Dingen gebrauchen Juden den Namen Jeschua nicht mehr, ebensowenig wie Christen (sowohl die griechische als auch die hebräische Form wurden nach dem ersten Jahrhundert als Eigennamen nicht mehr benutzt).1 Daher denken sowohl Christen wie auch Juden automatisch an Jesus als den Namen eines Nicht-Juden. Diese einfache Tatsache trägt dazu bei, Christen von der Wurzel ihrer Religion, der hebräisch-jüdischen Tradition, abzuschneiden. Andererseits trägt sie auch dazu bei, Juden von einem sehr bedeutenden Sohn ihrer Tradition zu entfremden; einer, der der einfluszreichste Jude der gesamten Geschichte geworden ist und in seiner historischen Wirkung sogar solche Gröszen wie Moses, David, Marx, Freud und Einstein hinter sich läszt.


Der Name Jeschua besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil “Je” ist eine verkürzte Form des hebräischen Eigennamens für Gott, “JHWH”. Der zweite Teil “schua” ist das hebräische Wort für Heil.2 Das Wort Heil allerdings ist in der christlichen Tradition in hohem Masze verändert worden von seiner Bedeutung in der israelitischen Religion und seiner griechischen und lateinischen Wurzel. Seit dem dritten Jahrhundert n.Ch. wurde ihm meistens eine sehr eingeschränkte Bedeutung gegeben, nämlich dasz diejenigen, die an Jesus Christus glauben nach ihrem Tod in den Himmel kommen, wenn sie treu in ihrem Glauben geblieben sind. Aber dies ist nicht alles, was das Wort im Grunde bedeutet. In seiner lateinischen Form “salvatio” kommt es von der Wurzel “salus” (die griechische Form ist “soterion/soteria” von “saos”) und bedeutet Ganzheit, Gesundheit oder Wohlbefinden-daher stammen die englischen Ausdrücke “salutary” (gesund) und “salubrious” (heilsam). Dasselbe gilt für die germanische Wurzel des Wortes “heil”, das als Adjektiv auch ganz, heil, geheilt, gesund heiszt. Tatsächlich kommt auch das englische Wort “holy” daher. Heilig zu sein, heiszt ganz zu sein, ein ganzes, ein volles Leben zu führen. Wenn wir ein ganzes, volles Leben führen, sind wir heilig, erlangen wir Heil, Ganzheit.3


Der Name Jeschua also bedeutet, dasz JHWH Heil, Ganzheit ist; und der Name JHWH ist der hebräische Eigenname des einen und einzigen Gottes, der alles Existierende geschaffen hat. Heute haben wir uns so sehr an das Konzept des Monotheismus gewöhnt, dasz wir gar nicht mehr wahrnehmen, was für ein auszergewöhnlicher Durchbruch diese Erkenntnis in der Menschheits- geschichte war. Er hatte massive un­mittelbare Folgen auf das Verhältnis des einzelnen zu allen anderen Menschen und zur ganzen Realität.


Hätte ich in einem Volk gelebt, das seinen eigenen Gott oder Götter hatte, und auch alle anderen Völker hatt­en ihren eigenen Gott oder Götter, dann wären die ethischen Normen, die von der Religion meines Gottes entwickelt wurden, nicht anwendbar auf diejenigen Personen und Dinge unter anderen Göttern. Daher gab es keine für alle Menschen und die ganze Erde gültige Ethik-bis sich das Verständnis eines Schöpfergottes für die Menschen und für die ganze Wirklichkeit entwickelte. Somit ist gerade der Name Jeschua die Bestätigung, dasz JHWH die Quelle der Ganzheit ist für alle Menschen, für alle Dinge. Es ist ein Name, der das Herzstück des groszen Beitrags des hebräischen Volkes für die Menschheit trägt: ethischen Monotheismus. Natürlich gab es auszer Jeschua von Nazareth viele jüdische Manner, die Jeschua genannt wurden. Trotzdem ist die Tatsache, dasz Jeschua von Nazareth eben diesen Namen trug, besonders angemessen;  denn durch ihn kamen Millarden Nicht-Juden zu dem Verständnis des ethischen Monotheismus, sie kamen zu JHWH, kamen zum Heil, zur Ganzheit.



2. Die Bedeutung des Wortes “Christus”


In der Tat ist es ein recht unglücklicher Umstand, dasz wir Christen eben diesen Namen tragen. Denn der Ausdruck “Christ” ist lediglich die europäisierte Version einer griechischen Übersetzung von einem hebräischen Titel. Dieser wurde einer Reihe von Juden einschlieszlich Jeschuas-Jesu von Nazareth gegeben während der apokalyptischen Periode kurz vor, während und nach der Lebensspanne Jeschuas-Jesu. Er ist einer von vielen Titeln, die Jesus von seinen Anhängern erhielt; ein Titel, den er mit ziemlicher Sicherheit nicht selbst für sich benutzte,4 sondern der ihm möglicherweise bereits zu seinen Lebzeiten von einigen seiner engsten Anhänger gegeben wurde. Dennoch liegt besondere Ironie darin, dasz der ihm zugesprochene Titel so in den Vordergrund rückte; denn später haben seine Jünger ihn ganz klar als jemanden erkannt, der nicht der von seinen enthusiastischen jüdischen Anhängern erwartete Messias war. Den Messias, den Christus, der von Petrus und den anderen Jüngern erwartet wurde,  hatte man sich zunächst als jüdische königliche Figur vom Schlage Davids, die die römische Besatzungsmacht aus Israel vertreiben und das Königtum in Israel wieder aufrichten würde vorgestellt. Ganz offensichtlich passierte dies nicht, und daher hatten die meisten Juden natürlich keinen Grund anzuneh­men, dasz Jesus der versprochene Messias sei.


Wahrscheinlich waren nicht alle Anhänger Jesus darauf fixiert, ihn als den versprochenen Messias zu deuten, sondern betrachteten ihn auf andere Weise, z.B. als Prophet oder Lehrer (Rabbi). Aber diejenigen, die ihn für den erwarteten Messias hielten, waren nach seiner Kreuzigung bereit zuzugeben, dasz sie sich geirrt hatten. Dies ist beispielsweise deutlich festgehalten im Lukas- Evangelium, in dem zwei von Jesu Anhängern auf dem Weg nach Emmaus von Jesus von Nazareth als “ein Prophet” sprachen, und nachdem sie sich auf seine Kreuzigung bezogen hatten enttäuscht sagten, “aber unsere Hoffnung war, dasz er derjenige sein würde, der Israel befreit”. (Lk 24,21)


Nach der Erfahrung der Auferstehung jedoch begannen einige von Jesu Anhängern sich offensichtlich allmählich dafür zu entscheiden, die Bezeichnung Messias nicht aufzugeben, sondern sie umzudeuten, sie anders zu lesen. Schlieszlich wurde die Bezeichnung Messias oder Christus so etwas wie ein bevorzugter Titel, der häufig sogar als eine Art Nachname diente. Allerdings zog sich diese Entwicklung über längere Zeit hin, und die Anhänger Jesu wurden nicht vor dem Ende des ersten Jahrhunderts als “Christen” bezeichnet. Vielmehr erzählt die Apostelgeschichte, dasz die offenbar zunächst gewählte Bezeichnung einfach Nachfolger “des Weges” war, d.h. des Weges, ein ganzes, heili­ges Leben zu führen, ein jüdisches Leben wie es von Jesus von Nazareth gelehrt und vorgelebt wurde.


Natürlich wäre es am sinnvollsten gewesen, hätten sich die Anhänger von Jesus selbst einen Namen gegeben, der Bezug zu dem Namen Jesus hatte. Jedoch hat unglücklicherweise die einzige unter Christen weit verbreitete Bezeichnung, die tatsächlich Bezug zu dem Namen Jesus oder vielmehr Jesus hat, einen sehr negativen Beiklang und steht für das genaue Gegenteil von dem, für das Jesus selbst stand: jesuitisch.



3. Die Bedeutung von Maszstab


Trotzdem möchte ich weiterhin behaupten, dasz Jesus, Jeschua die Norm ist und der Maszstab, nach dem das Urteil, ob etwas christ­lich ist oder nicht gefällt werden soll. Aber um dies zu tun, ist es zunächst wichtig, dasz wir uns klar darüber sind, was wir meinen, wenn wir sagen etwas sei die Norm oder der Maszstab von etwas anderem. Wir sprechen hier hauptsächlich über eine Reihe von Überzeugungen oder Doktrinen, einschlieszlich Verhaltensregeln, auf die wir uns bündig mit den Ausdrücken “Glaube und Moral” beziehen. Zur Vereinfachung und Klarheit lassen Sie uns die Lehren dieser zwei Gebiete als Doktrinen bezeichnen, was natürlich genau “das, was gelehrt wird” bedeutet und von dem lateini­schen Wort “docere”, lehren, kommt.


Eine Lehre oder Doktrin ist eine “Reaktion auf” eine Person oder ein Ereignis. Eine Doktrin ist etwas, das sich von zwei Richtungen her ent­wickelt. Es gibt ein erstes Ereignis und dann die Person, die darauf reagiert. Dies erste Ereignis kann natürlich nicht einfach “wiederholt” werden. Es musz irgendwie von der beobachtenden Person aufgenommen wer­den. Sonst würde es lediglich ein Ereignis in der Vergangenheit bleiben, das keine Auswirkung auf das Leben von irgendjemandem hat. Um ein erstes Ereignis zu einer Lehre oder Doktrin werden zu lassen, müssen eine oder mehrere Personen es irgendwie begreifen und seine Besonderheit herausstellen. Dieser Vorgang des Verstehens und Ausdruck-Verleihens übermittelt und bestimmt die Richtung und Form der Kraft, die von dem ersten Ereignis auf des Leben heute lebender Menschen ausgeübt wird. Wird dasselbe Ereignis von einer Anzahl Personen erlebt, werden einige mit völliger Gleichgültigkeit reagieren, während andere auf verschie­denste Weisen positiv oder negativ reagieren. Eben diese “Reaktion auf”, das Verstehen und Ausdrücken der Bedeutung des ersten Ereignisses ist das kraftgebende und gestaltende Instrument, das wir Doktrin oder Lehre nennen.


Wenn wir also von der Doktrin, was es heiszt christlich zu sein sprechen, oder von der Christologie, reicht es nicht zu versuchen, auf das Jesus-Ereignis hinzuweisen oder es zu “wiederholen”. Tatsächlich ist dies unmöglich. Heute lebende Menschen müssen irgendwie das Jesus-Ereignis aufnehmen und mit etwas anderem als Gleichgültigkeit darauf antworten, um eine Doktrin zu schaffen, die Auswirkung auf ihr Leben hat.


In der Christentumsgeschichte haben viele Leute auf verschiedene Weise das Jesus-Ereignis aufgenommen und stark darauf reagiert. Oft übte das entscheidenden Einflusz auf ihr Leben aus. Aber nicht alle tatsächlichen “Reaktionen auf” das Jesus-Ereignis, d.h. nicht alle christologischen Doktrinen wurden bzw. werden von allen bekennenden Christen akzeptiert. Kein wirklicher Christ kann beispielsweise gleichzeitig die welt-flüchtende Christologie einiger gnostischer Christen (die in der Tat traditionell als heterodox abgelehnt wurden) und die welt-bejahende Christologie der synoptischen Evangelien annehmen. Irgendwo müssen Christen einen Maszstab haben, an dem sich eine “korrekte” Christologie messen läszt. Für einige ist dies die gegenwärtige Kirchen­authorität (Magisterium). Für andere ist es die vergangene Kirchenauthorität (Traditio), entweder im Ganzen oder teilweise (z.B. die ersten sieben ökumenischen Konzile). Für wiederum andere ist es die Schriftauthorität (sola Scriptura), obgleich jetzt viele Protestanten erkennen, dasz die Schrift selbst einfach die früheste Sammlung von Traditionen ist.


Heutzutage bringen historisch orientierte christliche Denker eine christologische Methode heraus, die sich bemüht, hinter die Authorität von Tradition (sei es Magisterium, Traditio oder Scriptura) zu gehen und das erste Ereignis nicht im wesentlichen in irgendeine verkürzte “Reaktion auf” oder Doktrin über das Jesus-Ereignis zu legen, sondern in den geschichtlichen Jesus selbst. Heute lebende Christen müssen so gut es möglich ist diesen geschichtlichen Jesus begreifen und “reagieren auf” ihn, d.h. auf den Jesus von Nazareth, der vor 2000 Jahren in Israel lebte. In einer Welt, die Geschichtsbewusztsein hat, reicht es nicht mehr, wenn Christen “reagieren auf” frühere “Reaktionen auf” und Doktrinen über das Jesus-Ereignis. Geschichtsbewuszte Menschen wollen ihre Urteile und Handlungen so weit wie möglich auf die wichtigsten Tatsachen stützen, und für Christen sind die wichtigsten Tatsachen in erster Linie dieser Jude, die  historische Person Jesus von Nazareth, der ganz in den hebräischen und jüdischen Traditionen wie sie sich bis zu seiner Zeit entwickelt hatten stand, und ihnen dann seine eigene besondere Interpretation gab.



4. Der historische Jeschua


In erster Linie mit Hilfe der historisch-kritischen Methode, aber auch durch andere kritische wissenschaftliche Methoden wie Literarkritik, sind wir jetzt in der Lage, die wichtigsten Umrisse der Lehren von Jesus, der so massiven Einflusz auf seine Nachfolger hatte, zu begreifen. Natürlich wird dieses Verständnis weiter ausgefeilt werden, aber die wesentlichen Elemente sind relativ gesichert. Wir müssen uns vor Augen halten, dasz die Entwicklung unseres heutigen Geschichts- verständnisses in allen Kulturen erst am Anfang des 19. Jahrhunderts stattfand. Eine Folge war, dasz christliche Denker und Wissenschaftler die Suche nach dem “historischen Jesus” begannen, nach dem Jesus von Nazareth, der hinter all den widersprüchlichen Aussagen der letzten 2000 Jahre über ihn lag. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden seine in den Evangelien enthaltenen Lehren ebenso begriffen wie diejenigen aller Figuren des Altertums, nämlich wie sie überliefert waren durch seine Jünger.


Mit der Entwicklung weiterer kritischer Instrumente Anfang dieses Jahrhunderts wurde erkannt, dasz die Quellen unserer Vorstellung von dem historischen Jesus, die Evangelien,-tatsächlich nicht primär historische Dokumente sind, nicht vier ver­schiedene moderne Biographien, sondern vielmehr vier verschiedene Glaubensaussa­gen gestützt auf historische Erinnerungen. Die Evangelien vermittelten, was unterschiedliche frühe Anhänger von Jesus als das Wichtigste an ihm, seinen Lehren und Handlungen und seiner schlieszlichen “Erhöhung in die Herrlichkeit” erachteten und glaubten. Seit circa 1918-obwohl diese Strömung zurückging auf S. H. Reimarus (gest. 1768)-herrschte unter neutestamentlichen Wissenschaftlern mehrere Jahrzehnte lang ausgeprägter Skeptizismus bezüglich der Möglichkeit, jemals hinter den “Christus des Glaubens” zu dem “Jesus der Geschichte” zu kommen. Diese stockende Phase ist jetzt zum gröszten Teil vorüber und es ist nun möglich, mit Überzeugung zu sagen:  “Es ist heute ein breiter Konsens, dasz obwohl es wegen der Beschaffenheit der Quellen unmöglich ist, eine Biographie von Jesus auszumachen, andererseits die Beschreibung der unverrückbaren fundamentalen Merkmale seiner Verkündi­gung, seines Wirkens und seines Schicksals weitgehend möglich ist.”5 Dies ist die Aussage eines katholischen, systematischen Theologen, Hans Küng, der hier ganz zutreffend die Meinung und die Arbeit einer wachsenden Zahl neutestamentlicher Exegeten, seien sie katholisch, protestantisch oder jüdisch, widergibt.


Einer von ihnen, E. P. Sanders, bezieht sich auf die Arbeiten von zehn seiner angesehensten Kollegen einschlieszlich Martin Hengel, Paul Winter, Joachim Jeremias, Edouard Schweizer, C. D. Dodd und Geza Vermes, und schrieb, “heutzutage scheint die vorherrschende Meinung zu sein, dasz wir recht gut wissen können, was Jesus vollbringen wollte, dasz wir viel über das wissen, was er sagte, und diese beiden Dinge sind einleuchtend für die Welt des Judentums im 1. Jahrhundert.”6 Der jüdische Wissenschaftler Geza Vermes behauptet, “wir sind in der Lage seine Ideen, den ipsissimus sensus, zu begreifen, sogar ohne die eigentlichen Worte, in denen sie formuliert wurden.”7


Es ist dieser geschichtliche Jesus also, der Mensch, der im Land Israel vor 2000 Jahren lebte, der für heutige Christen klären kann, was der Maszstab für alle “Reaktionen auf” ihn, d.h. alle “Doktrinen” über ihn sein musz, einschlieszlich derjenigen im Neuen Testament selbst.8 Es kann nicht bestritten werden, dasz das Bild des historischen Jesus, das mit Hilfe der historisch-kritischen Methode entwickelt worden ist, einfach ein zeitgenössisches Bild ist und nicht mehr Verbindlichkeit von Christen beanspruchen kann als jedes andere Bild von Jesus, wie z.B. das von Paulus, der Jesus nie begegnet ist, oder das eines gnostischen Christen, oder das des Konzils von Chalkedon (451 n.Chr.). In der Tat gibt es nichts in den Gedanken jedes heute lebenden Menschen, was nicht ein “Bild” wäre. Aber es gibt einen grundlegenden Unterschied zwischen dem Bild, das über einen Menschen gebildet wird durch seine oder ihre Worte und Taten, und dem Bild, das durch die Gedanken einer anderen Person über diesen Menschen entsteht.


Ich bin mir der ernsthaften Schwierigkeiten bewuszt, ein maszgebliches, klares Bild des historischen Jesus zu formen. Aber soweit uns Christen dies möglich ist, müssen wir es tun. Dies musz unser Maszstab sein. Natürlich können wir niemals zu einem völlig “objektiven” Bild von Jesus kommen. Jede Wirklich­keit wird durch den Beobachter relativiert. Auch ist es richtig, dasz wir zu einem umfassenderen Verständnis einer Tatsache kommen, wenn wir ihre Darstellung von mehreren verschiedenen Standpunkten haben. Jedenfalls ist es etwas von Anfang an Gegebenes, die Urtatsache, dasz wir versuchen zu erkennen, um es irgendwie in Beziehung zu uns zu setzen. Natürlich relativiert dieser letztere Teil wiederum die ursprüngliche Tatsache, d.h. stellt sie in Relation zu uns, aber es ist die Urtatsache, dasz wir versuchen, sie zu begreifen und auf uns zu beziehen. Heute wissen wir, dasz wir niemals etwas ganz klar erfassen können wie es ursprünglich “objektiv” existierte-genau wie wir in moderner Physik erkannt haben, dasz ein Objekt bereits dadurch verän­dert wird, dasz wir Licht oder Elektronen oder sonst etwas durch dieses Objekt schicken, um es zu “beobachten”. Trotzdem, mit diesem nun ernüchterten Wissen, dasz wir niemals ein völlig “objektives” Bild von etwas erreichen, können wir uns immer bemühen, uns anzunähern, wie das Kontinuum des Parmenides. Es ist eben dies, was ich und eine wachsende Zahl christlicher Denker meinen tun zu sollen in Bezug auf die historische Figur von Jesus.


Mit gebotener Bescheidenheit und Offenheit scheint mir dann, dasz das beste Bild des historischen Jesus, das wir zu einem bestimmten Zeitpunkt erhalten können, Priorität gegenüber allen Erklärungen über seine Bedeutung hat. Was Jesus dachte, sagte und machte ist das jeschuanische, wenn nicht gar das “christliche” Evangelium, auch wenn wir darüber nur durch andere erfahren. Edward Schillebeckx stellt dieselbe Forderung: “Das durchgängige Moment im Christentum liegt darin, dasz Christen den letzten oder endgültigen Sinn ihrer konkreten Geschichte im Bezug zu Jesus von Nazareth definieren.”9 Dinge werden christlich genannt “mit demselben Vorbehalt, mit dem ihre Übereinstimmung mit dem Maszstab dieser historischen Realität, die Jesus Christus selbst ist, beurteilt wird.”10


Jeder Mensch steht in einem speziellen historischen Kontext und Platz in der Welt, so dasz alle Wahrnehmungen grundlegend von diesem Umstand beeinfluszt sind, einschlieszlich des Verständnisses der historisch-kritischen Bilder. Bewusztsein dieser Begrenzung wird den Menschen ermöglichen, naive und absolute Sicherheit einerseits und völligen Skeptizismus andererseits zu vermeiden. Dann, mit dem Bewusztsein, dasz menschliche Sprache sowohl ein befreiendes wie auch ein einengendes Instrument ist, werden wir in der Lage sein mit Bescheidenheit, aber auch Gewiszheit fortzufahren, immer offen zu sein gegenüber neuen Ergebnissen, Einsichten, Perspektiven und damit Wandel. Aber selbstverständlich ist all diese gebührende Bescheidenheit nicht nur für das Bild des historischen Jesus, das von den “frühesten Informationen” abgeleitet ist angemessen, sondern auch-und sogar umso mehr-für alle Bilder der “Reaktionen auf” oder Doktrinen über ihn.


Was macht nun ein Christ heute mit der historischen Tatsache, dasz in der Entwicklung des Christentums der “lehrende Jesus” schnell zum “gelehrten Christus” wurde, sogar schon in dem Zeitraum, in dem das Neue Testament abgefaszt wurde? Zweifellos hat das Erlebnis der Auferstehung die Anhänger Jesu verändert. Wie auch immer man die Berichte vom leeren Grab im Neuen Testament versteht, hatte das Ereignis der Aufer­stehung auf die Nachfolger Jesu eine heftige Wirkung:  Sie begannen, Dinge über ihn zu verstehen, die ihnen nicht bewuszt waren während er unter ihnen war. Jedoch war es auch klar, dasz für sie der Jesus, den sie kannten, nicht umgewandelt wurde in eine Art magische Figur oder Totem. Vielmehr wurden die Anhänger Jesu durch das Auferstehungs-Ereignis in erster Linie innerlich bestätigt in ihrer Erfahrung vor der Kreuzigung, als sie dem, was sie als das Göttliche erfaszten durch Jesus begegneten durch das, was er dachte, sagte und machte.



5. Der lehrende Jesus-nicht der gelehrte Christus


Der neutestamentliche Wissenschaftler Thomas William Manison hat angemerkt: “Wir haben uns-richtigerweise-so daran gewöhnt Jesus das Objekt von Religion zu machen, dasz wir leicht vergessen, dasz er in unseren frühesten Berichten nicht als das Objekt von Religion, sondern als ein religiöser Mann dargestellt ist.”11


Daher bemühten sich seine Nachfolger in ihrem Lehren Jesu und über Jesus das weiterzugeben, was sie von ihm gelernt hatten. Jedoch konnte das, was sie von Jesus gelernt hatten, nicht begrenzt werden auf seine Worte (was Jesus “sagte”); offensichtlich waren sie tief berührt durch sein Innerstes, das so voll erschien von Weisheit und gelebter Liebe (was Jesus “dachte”) und wie dies in jede seiner Taten einflosz (was Jesus “machte”). Dies wird deutlich in den synoptischen Berichten. Jesu gesamte Person war für seine Anhänger die Quelle dieses ausgesprochen transformierenden “Lernerlebnisses”. Diese Verwandlung war so vollkommen, so durchdringend, dasz sie statt vernichtet zu werden durch die Vernichtung Jesu am Kreuz (sein Schmerz erwies sich sowohl für Jesus als auch für seine Anhänger als die Feuerprobe, durch die ihre “Erleuchtung” und Liebe gereinigt, gestärkt, verwandelt wurde) in der Lage waren-in paulinisch symbolischer Sprache-mit ihm ins Grab hinabzusteigen und sich mit der Bekräftigung ihrer Erlebnisse mit Jesus vor der Kreuzigung zu erheben; d.h. ihre Erfahrung mit ihm war trotz alledem wahr, authentisch, er war-ist!-wirklich die Quelle des wahren Lebens, er lebt weiter!  


Daher war der “gelehrte Jesus” (d.h. der gelehrte oder verkündigte Christus) in erster Linie der vollkommenste Weg, den “lehrenden Jesus”, d.h. das, was er dachte, sagte und machte in seiner ganzen Person, weiterzugeben. Daher erscheint es vielen christlichen Denkern, dasz jeder Versuch, den verkündigten Christus als etwas oder jemanden anders als den “lehrenden Jesus” zu verstehen schnell proble­matisch wird. Jeder Versuch den “verkündigten Christus” im Gegensatz zu dem “lehrenden Jesus”, zu dem was er mit seiner ganzen Person “dachte, sagte und machte” zu verstehen, hiesze ein falsches Spiel zu treiben nicht nur mit Jesus, sondern auch mit seinen ersten Jüngern.


Die Theologie des Lukas-Evangeliums besteht sogar noch klarer auf ihrer Forderung, dasz in erster Linie das, was Jesus lehrte statt Jesus selbst von Christen gepredigt werden sollte. Der katholische Bibelwissenschaftler Joseph G. Kelly stellt fest nach Lukas, “Jesus zeigt nicht auf sich selbst, sondern immer auf Gott. Daraus folgt, dasz der Prediger nicht der Gepredigte werden kann . . . . Die Jünger sind nicht dazu auf­gerufen, die Person Jesus zu lehren. Was sie tun müssen, ist die Botschaft Jesu zu predigen . . . . Jesus zeigt Christen den Weg und Christen sehen sich selbst auf dem Weg.”  Daher, sagt Kelly, müssen Christen jetzt den Weg lehren, den Jesus predigte; d.h. Reue und Sündenvergebung-Erlösung (Lk 4,18).


Dieser Weg musz gepredigt werden im Namen Jesu und befolgt werden von Jesu Jüngern, weil Jesus derjenige war, der diesen Weg vollständig gegangen ist. Aber Lukas sagt, “Jesus ist nicht der Weg. Der Weg ist, das zu tun, was Jesus lehrte. Die Botschaft ist nicht Jesus, sondern Erlösung. Jesus hat sich nicht selbst verherrlicht, sondern lebte so, dasz er Gott verherrlichte. Das führte dazu, dasz Gott Jesus verherr­lichte. Jesus verkündigte sich nicht selbst, sondern sagte, dasz seine Person und sein Leben Gott erkennen lassen.” Kelly fügt hinzu, dasz “jedes Mal, wenn das Reich in einem Moment der Befreiung einbricht, kann man Gott kurz erleben. Gott ist das Ende und das Ziel. Einer der Wege, Gott zu finden ist, dem Weg Jesu zu folgen, aber der Weg von Jesus ist nicht der einzige Weg.”12


Eingebettet in die Evangelien von Matthäus und Lukas ist ein älteres Dokument, auf das sich neutestamentliche Wissenschaftler als “Die Worte Jesu” oder “Q” (vom deutschen Wort Quelle) beziehen. Diejenigen, die Q, “eine der frühesten Schriften, wenn nicht die früheste Schrift im Christentum”13, untersucht haben, finden in diesen vielleicht ersten Christen ein Verständnis von Jesus, das “fast vollkommen anders ist als was wir in Paulus finden, und sein “Q” Bild vom Christentum fordert uns heraus, die frühesten Anfänge des Christentums selbst zu überdenken.”14


Diese Wissenschaftler merken auch an, dasz in Q Jesus, der Verkündiger nicht der Verkündigte wird, “aber in Q bleibt er der Verkündiger”, und “dies ist das Herzstück des Q-Verständnisses über den Weg der Erlösung. Jesus selbst ist der Weg zur Erlösung, aber das geschieht nicht durch seinen Erlösertod, der in Q nirgendwo erwähnt wird, sondern in seinem Offenbaren des Reich Gottes und des Weges, um an diesem Reich teilzuhaben.”15In anderen Worten: Erlösung und authentisches menschliches Leben können durch die Nachfolge dessen, was Jesus gelehrt hat, erlangt werden. Weiterhin, wenn Jesus in Q sagt, “Wer mich ablehnt, lehnt den ab, der mich sandte” (Lk 10,16), “bezieht sich die Aussendung vom Vater natürlich nicht auf die Inkarnation Jesu, sondern auf Jesu Ruf als Prophet.”16


Die meisten Christen im Laufe der Jahrhunderte haben von Anfang an die zentrale Bedeutung des historischen Jesus, dessen was er dachte, sagte und machte verstanden. In den meisten Fällen wurde argumen­tiert, dasz bestimmte Lehren über Jesus richtig, orthodox waren, weil sie letztenendes mit dem historischen Jesus, der vor 2000 Jahren lebte übereinstimmten. Es ist schon wahr-einige Lehren mögen wohl direkt auf späterer Traditio beruhen, aber in den Fällen bestand ein zumindest implizierter Anspruch, dasz dieses Verfahren ein sicherer Weg sei, an den wirklichen, historischen Jesus anzuschlieszen. Es gab nur wenige Christen falls überhaupt welche, die bereit waren, die Aussagen über Jesus Christus vom Konzil von Nikaia (325 n.Chr.) oder von Konstantinopel (381 n.Chr.) anzuerkennen, selbst wenn sie nicht über den historischen Jesus von Nazareth gemacht werden konnten.Die Schwierigkeit, auf die historisch bewuszte Wissenschaftler in dieser Situation weisen, ist dasz die “Reaktionen auf” und die Aussagen über Jesus, seien sie aus der Vergangenheit (Traditio) oder aus der Gegenwart (Magisterium), zu oft zu dem Maszstab für das Verständnis des historischen Jesus werden, während es anders herum sein sollte.


In einem kürzlich erschienenen Buch, das sehr empfehlenswert ist wegen seiner ausführlichen und ausgewogenen Betrachtung, weist der katholische Theologe William M. Thompson auf den “historischen Jesus” hin und lehnt ihn ab als “eine letzte Norm christ­licher Offenbarung und Theologie”. Ein Grund für diese Ablehnung liegt darin, dasz unser Wissen über den Jesus der Geschichte “sich letztlich auf Kerygma (Verkündigung) verlassen musz”.17 Die Behauptung ist wahr, aber macht sie nicht auch den historischen Jesus zur letzten Norm?  Natürlich, für uns ist es unser Verständnis des historischen Jesus, das abgeleitet von einer kritischen Analyse des kerygmatischen Texts de facto unsere letzte Norm ist. Aber dies gilt auch für den kerygmatischen Jesus, den Jesus, auf den “bereits vorher reagiert” wurde-nur eben einen Schritt weiter entfernt vom historischen Jesus. Markus, Matthäus, Paulus, Chalkedon usw. glaubten und behaupteten alle, dasz sie etwas sehr Wichtiges über den historischen Jesus mitteilten. Sie wollten nicht, dasz ihre Leser dies akzeptierten, weil sie es sagten, sondern weil es ihnen etwas über den wirklichen, historischen Jesus mitteilte, der sie zu einem vollen menschlichen, d.h. “geheilten” Leben führen würde. Für einen späteren Christen heiszt die Behauptung, dasz ihr Kerygma (predigen über, Reaktionen auf) und ihre Aussagen über den historischen Jesus die letzte Norm für authentisches Christsein sind, den wirklichen Kern ihrer Aussagen zu verfehlen oder abzulehnen. Sicherlich sind die Evangelien die letzten dokumentarischen Quellen für unser Wissen über Jesus. Aber der Punkt, der hier beachtet werden musz, ist dasz sie “Dokumente”, d.h. “Lehren”, sind und Lehren sind von oder über etwas und/oder jemanden-in diesem Fall Jesus. Die “Dokumente” sind lediglich Fingerzeige, Bilder (Eidola) von der historischen Realität, auf die sie sich beziehen. Verfrüht einzuhalten bei den Eidola statt weiterzugehen zu dem, auf das sie verweisen ist (E)ido-latria.



6. Jesus: Messias oder Christus?


Da Jesus lehrte, dasz die Tora befolgt werden sollte, sollten dann seine Anhänger die Tora befolgen?  So gestellt, scheint die Antwort ein klares “ja” zu sein. Und das ist genau, was alle seine ersten Nachfolger ebenfalls dachten, und sie handelten entsprechend. Petrus und die anderen Jünger und Anhänger gingen in den Tempel und die Synagoge und befolgten die Tora. Aber als nach einer Weile ihre Lehren sich verbreiteten, kam das Problem der Nicht-Juden auf. Konnten auch sie Anhänger des Weges werden?  Die erste Antwort war “ja”. Die Juden hatten dies schon seit vielen Jahren getan. Diese zum Judentum bekehrten Nicht-Juden wurden Proselyten genannt; sie waren beschnitten und nahmen die völlige Observanz der Tora auf.


Aber in den Synagogen auszerhalb Israels gab es nicht nur geborene Juden und Proselyten, sondern auch die sogenannten “Gottesfürchtigen, die offensichtlich viel zahlreicher waren als die Proselyten. Die Gottesfürchtigen waren Nicht-Juden, die die Lehren, die Ethik, die Schriften und die wichtigsten kultischen Praktiken wie Sabbat befolgten, aber sie waren nicht beschnitten und folgten nicht allen rituellen Gesetzen des Judentums. Aus dieser Gruppe rekrutierten sich viele der ersten Anhänger des Weges auszerhalb Israels. Zuerst wurde ihnen häufig gesagt, dasz sie volle Juden werden müszten, um Nachfolger des Weges zu sein (jüdisch zu sein), um Nachfolger von Jesus zu sein. Dies machte Sinn, aber nicht vollen Sinn für alle. Die vielen tausend Gottesfürchtigen im Römischen Reich hatten sich früher bereits entschieden, sich mit dem Judentum zusammenzutun, aber die Beschneidung und die völlige Observanz der Tora auszunehmen. Warum sollten sie diese Entscheidung revidieren, um sich mit einen speziellen Weg jüdisch zu sein zu gehen?


Der offensichtlich direkte Weg, dieses Problem zu lösen war nachzufragen, was Jesus zu dieser Angelegenheit zu sagen hatte. Unglücklicherweise hatte er nichts dazu gesagt. Wenn wir uns die Evangelien durchlesen, scheint es, dasz Jesus sich “nur zu den verlorenen Schafen des Volkes Israel” (Mt 15,24) gesandt fühlte wie er seinen Jüngern mitteilte, und als er die Zwölf aussandte, um die Gute Nachricht zu predigen, sagte er zu ihnen, “Geht nicht in nicht-jüdisches Gebiet oder in samarische Städte. Geht statt dessen zu den verlorenen Schafen des Volkes Israel” (Mt 10,5). Wenn jedoch die Nicht-Juden zu ihm kamen, antwortete er ihnen-und heilte das Kind der Syro-Phöenizischen Frau und des Zenturios. Daher schien es, dasz die Lehren und Taten Jesu keine direkten Aussagen zu dem Problem seiner späteren Nachfolger machten, eine Situation, die zwangsläufig häufig in jeder Bewegung aufkommt.


Also muszten die frühen jüdischen Anhänger Jesu ihr Problem lösen, indem sie den Geist der Lehre und des Lebens von Jesus, was er dachte, sagte und machte, auf ihre Situation anwandten. Nach einer intensiven Auseinandersetzung zwischen Petrus und Paulus entschieden sie nach der Linie der Gottesfürchtigen:  Diejenigen, die als Juden geboren waren, hatten das Privileg und die Last der Tora erhalten und sollten sie weiterhin befolgen, wie Jesus es selbst lehrte und praktizierte; diejenigen, die keine Juden waren, sollten einfach die jüdischen Lehren, Schriften, die Ethik und die wichtigsten kultischen Regeln, die von Jesus hervorgehoben waren, akzeptieren, aber sie muszten sich nicht beschneiden lassen und waren von der Befolgung der ganzen Tora befreit, besonders von den rituellen Bräuchen.18


Es passierte aber noch etwas anderes sehr kritisches in dieser frühen Entwicklungsphase der christlichen Religion. Jesus hatte seine Anhänger gelehrt, ein Leben zu führen, das intensiv, innerlich und in prophetenähnlicher Sorge für die Unterdrückten war, in gewissenhafter Befolgung von Gottes Tora. Auch lehrten seine Anhänger nach einiger Zeit, dasz er der versprochene “Gesalbte” Gottes war, der Meshiach, der Messias, der Israels Joch der römischen Besetzung abwerfen und König werden sollte. Jesus hatte ihnen häufig gesagt, dasz sein Königreich kein politisches sein würde, aber sie hängten trotzdem ihre Herzen stürmisch an den bevorstehenden Einbruch des Reich Gottes unter der religiösen und politischen Führung des Meshiach, der wie sie glaubten Jesus war. Dies kam im Judentum der damaligen Zeit häufig vor, während es unter der fremden Unterdrückung des römischen Reiches litt. Es gab viele, die behaupteten, der Messias zu sein. Beispielsweise erklärte hundert Jahre nach dem Tod von Jesus Rabbi Akiba, der bis heute im jüdischen Volk hoch angesehen ist, dasz der anti-römische jüdische Freiheitskämpfer Bar Kochba (der 135 n.Chr. geschlagen wurde) der Meshiach sei. Aber diese hohen, ungestümen Hoffnungen wurden am Karfreitag völlig zunichte gemacht. Alles schien zerstört zu sein. Sie sagten, “Dieser Mann war ein Prophet, und wurde von Gott und allen Menschen als mächtig in Worten und Taten angesehen. Unsere Hohepriester und Führer haben ihn übergeben, so dasz er zum Tode verurteilt wurde, und sie nagelten ihn ans Kreuz. Und wir hatten gehofft, dasz er derjenige wäre, der Israel befreien würde” (Lk 24,19-21).


Wie wir jedoch wissen, endete nicht alles an dieser Stelle. Drei Tage nach Karfreitag war Ostern, die Auferstehung. Die Anhänger Jesu erlebten ihn nun nicht nur als den charismatischen Lehrer, der schändlich hingerichtet worden war, sondern auch als den, der zu einem neuen Leben von Gott erweckt wurde.


Im Lichte dieses auszerordentlichen, kraftgebenden Osterereignisses begannen die Nachfolger von Jesus über alles, was er gesagt und getan hatte, nachzudenken. Sie fingen daher an, Dinge zu sehen, deren sie vorher nicht bewuszt gewesen waren. Mehr und mehr waren sie überzeugt, dasz Gott grosze Dinge durch Jesus getan hatte. Als sie nachdachten, versuchten sie diese groszen Taten zu benennen, und so wurden Jesus im nachhinein verschiedene Titel gegeben:  Herr, Erlöser, Menschensohn, Sohn Gottes, etc. Ein Titel, Meshiach, wurde ihm noch immer zugesprochen-wie vielleicht bereits während seiner Lebzeiten-aber nun war er ins Innerliche transformiert, “spiritualisiert”.Aus dem Neuen Testament ist er uns als Christos, Christus überliefert. Daher ist es richtiger zu sagen, dasz Christen nicht behaupten, Jesus, gekreuzigt und auferstanden, ist der Meshiach, Messias wie er in den Schriften versprochen ist-denn neben anderen Dingen war ein politischer Führer, ein König, der das Land Israel befreien würde und universellen Frieden bringen würde, versprochen-sondern ist der Christus, auf irgendeine Weise der Kreuzpunkt des Menschlichen und Göttlichen.


Daher wurde Jesus, der Christus, bald die Tür, durch die die Nicht-Juden in das Wissen (nicht nur des Kopfes, sondern auch des Herzens, und nicht nur individuell, sondern auch in eine Gemeinschaft) des einen Gottes, des Schöpfers, der Quelle und des Ziels allen Seins und in das Wissen, wie sie nach Gottes Plan, Gottes Tora leben sollten, eintreten konnten. Da viele Nicht-Juden zu dem einen wahren Gott durch Jesus, den Christus kamen, nannten sie sich selbst Christen. Aber tatsächlich sagen die meisten geborenen Juden: “Jesus, ja-Messias oder Christus, nein. Jesus hat ganz offenbar die Versprechen des Meshiach nicht erfüllt, und wir brauchen keinen Christus, um uns den einen wahren Gott zu bringen-wir kennen Gott schon.”



7. Jesus und seine Jünger dachten jüdisch


Wir kommen nun zu einem auszerordentlich entscheidenden und delikaten Punkt, der aus dem Jüdischsein Jesu und seiner ersten Anhänger, der Gründer des Weges, des Christentums, folgt. Weil sie alle Juden waren, dachten und sprachen sie wie Juden. Als Konsequenz müssen wir, wenn wir richtig verstehen wollen, was Jesus und seine ersten Nachfolger meinten als sie sprachen, ihre Aussagen in ihren jüdischen Kategorien und Denkmuster verstehen. Täten wir dies nicht, würden wir unsere fremde Bedeutung in ihre Aussagen und Taten hineinlesen statt uns auszustrecken nachder Bedeutung, die sie beabsichtigten. Wir würden Eisegese statt Exegese betreiben. Der katholische systematische Theologe Edward Schillebeeckx betonte dies, als er schrieb, “Jesus war ein Jude; und seine engen Freunde und Jünger dachten ebenfalls wie treue Juden denken würden. Als Juden interpretierten sie Jesus.”19


Diejenigen Christen, die den Weg gegangen sind, vom jüdischen Verständnis abweichende Interpretationen der Worte und Taten von Jesus und seinen ersten Anhängern zu suchen, haben sich offensichtlich von Jesus und den Gründern des Christentums abgewandt. Sicherlich, es gab Meinungsverschiedenheiten unter den Juden selbst über das korrekte Verständnis vieler Dinge. Aber diese Dispute wurde alle innerhalb eines akzeptierten Bedeutungsrahmens ausgetragen. Innerhalb eben dieses weiten jüdischen Bedeutungsrahmens dachten und handelten Jesus und die Gründer des Weges. Die Konsequenz ist, dasz auch spätere Nachfolger Jesu ihn und seine Anhänger zuerst innerhalb dieses Rahmens verstehen müssen, wenn sie ihre Botschaft verstehen wollen, korrekter: ihre “Gute Nachricht”. Natürlich können andere, nicht-jüdische Denkweisen von groszem Wert sein, und Christen sind gewisz aufgefordert alles von Wert zu berücksichtigen. Nicht-jüdische Denkweisen jedoch werden von keinem Wert sein im Verständnis, was Jesus und seine ersten Nachfolger sagten und taten. Tatsächlich können sie ausgesprochen irreleitend sein und sogar fundamentale Hindernisse zu der “Guten Nachricht”, dem Evangelium von Jesus und seinen ersten Nachfolgern.


So ein Verständnisprinzip erscheint recht geradlinig und einfach. Aber das Begreifen dieses einfachen Prinzips ist abhängig davon, alle Aussagen über die Bedeutung von Dingen als relational zu sehen, d.h. als richtig verstanden nur, wenn sie in Relation zu den Personen, die diese Aussagen gemacht haben gesehen werden, zu den Kontexten, in denen sie sie machten, den Denkkategorien und der Sprache, die sie benutzten, etc. So ein Verständnis ist das Eintrittsgeld für zeitgenössische westliche Wissenschaftler-Post-Historizismus, Wissenssoziologie und linguistische Analyse. So war es allerdings in der Vergangenheit nicht. Dieses Prinzip des relationalen Verständnisses der Evangelien, d.h. innerhalb des jüdischen Bedeutungsrahmens, in dem Jesus und seine ersten Anhänger standen, wird-so simpel und offensichtlich es auch heute erscheint-in vielen Fällen ein radikales Neudenken der christlichen Lehre hervorbringen, es auf eine Linie mit den Gedanken Jesu und seiner ersten Anhänger, der Gründer des Weges, des Christentums bringen-es auf eine Linie mit ihrem jüdischen Verständnis bringen.


Lassen Sie uns die Implikationen, die die Anwendung dieses Verständnisprinzips mit sich bringt, illustrieren, indem wir uns wieder, wenn auch nur kurz, die zentrale Lehre des Christentums, eine, von der alles andere abhängig ist, anschauen: die Christologie.


Wie bereits angemerkt, ist es deutlich, dasz Jesu Nachfolger ihn während seines Lebens für den Meshiach hielten, mit all den politischen Implikationen etc., obwohl es nach dem Stand der heutigen Schriftwissenschaft geurteilt sehr unwahrscheinlich ist, dasz Jesus selbst jemals behauptet hat, der Meshiach zu sein.20 Aber selbst wenn er über sich selbst als Meshiach dachte und diesen Titel beanspruchte, geschah dies in einer transformierten, “spiritualisierten” Form; dasselbe war auch wahr über seine Nachfolger nach der Kreuzigung und der Auferstehung. Auf jeden Fall dachten Juden niemals an den Meshiach (und wer auszer den Juden dachte an einen Meshiach?) als göttlich in einem ontologischen Sinne. Der Meshiach wurde von den Juden Sohn Gottes genannt, aber wiederum niemals in einem ontologischen Sinne. Für Juden hatte diese Sprache immer einen nicht-ontologischen, metaphorischen Sinn. Und Jesus und seine ersten Anhänger waren Juden. Sie dachten und sprachen als Juden. Folglich sprachen diese Juden nicht ontologisch, wenn sie über Jesus als Meshiach sprachen, oder sogar in dem transformierten, spiritualisierten Sinne von Christos. Man sollte sich daran erinnern, dasz es nicht die Juden, sondern die Griechen waren, die den ontologischen Denkrahmen entwickelten-Philosophia. Ontologische Bedeutung in die nicht-ontologische jüdische Sprache von Jesus und seinen ersten-jüdischen-Nachfolgern zu gieszen heiszt wieder, Eisegese statt Exegese zu betreiben.


Aber was ist mit den christologischen Dogmen der Konzile von Nikaia, Konstantinopel und Chalkedon? Sind sie nicht voll von ontologischer Bedeutung? Wie auch immer sie interpretiert werden-z.B. als Versuche, das christliche Erlebnis des Transzendenten in Jesus in Worte zu fassen, wie später diskutiert werden wird-sollten sie sicherlich in dem Licht dessen, was Jesus und seine ersten Anhänger selber meinten zu lehren, verstanden werden-und sie verstanden sich selbst jüdisch, d.h. nicht-ontologisch in diesen Dingen.


Liegt nicht eine klare Logik darin, dasz heutige Christen als eine fundamentale Norm für die Bedeutung von Jesus die Erklärung des obersten Apostels, Petrus, ansehen (angeblich würde sein Zeugnis besonders gewichtig sein angesichts seines “Nachfolgers”, des Papstes, und der 800 Millionen Katholiken): “Jesus von Nazareth, ein Mann (andra), der euch bezeugt ist von Gott durch ...Zeichen, die Gott durch ihn gab.... Gott erhöhte ihn.... Diesen Jesus erhöhte Gott....Gott machte ihn sowohl Herr als auch Christus” (Apg 2,22.24.32.36)?  Hier ist deutlich, dasz Petrus an Jesus als einen Mann (andra) dachte, in dem sich Gott durch “mächtige Werke, Wunder und Zeichen” manifestierte, der ermordet wurde und dann zu einem neuen Leben als “Herr und Christus” von Gott erweckt worden war. Wenn die ersten Nachfolger von Jesus nach der Auferstehung (nach Lukas angeführt von keinem Geringeren als Petrus), eine solche “niedrige” Christologie hatten, sollte einer solchen Position nicht der gröszte Respekt gezollt werden?  Wird eine “niedrige” Christologie einfach “erhöht”, aufgehoben durch eine “hohe” Christologie, die von Jesus als Mensch und Gott spricht, oder ist sie tatsächlich “geschluckt” und verändert von einer jüdischen zu einer hellenistischen Art zu denken-ohne gewahr zu sein, dasz die jüdische Art nicht-ontologisch, metaphorisch-und miszversteht sie damit?



8. Jesus: menschlich und göttlich



Aber was ist mit jenen christologischen, dogmatischen Formulierungen, die in den frühen ökumenischen Konzilen ausgearbeitet wurden und zu denen Zustimmung unter Androhung von Exkommunikation verlangt wurde?  Löschen sie nicht, wenn sie akzeptiert werden, jegliche “niedere Christologie” aus und verlangen eine besondere “hohe Christologie”, nämlich dasz Keschua “wirklich Mensch und wirklich Gott” (vere homo et vere Deus) ist nach Chalkedon (451 n.Chr.)?  Offensichtlich ist eine altertümliche katechismus­mäszige Antwort mit ja oder nein nicht angemessen. Man musz sich erst genau klarmachen, was die chalkedonische Formulierung meinte. Dazu reicht es nicht, die Bedeutungen der verschiedenen Worte und Bilder, die in jenem intellektuellen Milieu benutzt wurden zu verstehen; besonders nicht in diesem Fall, denn die Verfasser beschäftigten sich zum Teil mit dem, was über unsere Erfahrung “hinausgeht”, dem “Trans-zendenten”. Nimmt man sie wörtlich, ist ihre Sprache Un-sinn, sie spricht von einem Nichts, einem Nicht-Sein; denn sie sprechen von Jesus als dem “endlichen Unendlichen”, dem “begrenzten Un-begrenzten”. Aber offensichtlich war es nicht ihre Absicht nichts zu sagen, auch absichtlich paradoxe Sprache will nicht buchstäblichen Un-sinn übermitteln, sondern versucht auf eine Realität jenseits des oberflächlichen Un-sinns widersprüchlich zusammengestellter Worte zu weisen. Hier hat der Leser zunächst die Aufgabe zu erfassen, auf welchen dahinterliegenden Sinn die Verfasser hinweisen wollten durch die scheinbar unsinnige Zusammenstellung der sich gegenseitig ausschlieszenden Ausdrücke homo und Deus.21


Zunächst gibt es keinen Grund, anzunehmen, dasz die Art, in der die frühen christlichen Verfasser sich bemühten, den Sinn zu vermitteln not­wendigerweise die beste, klarste, hilfreichste usw. war. Schon die Tatsache, dasz die frühen Christen immer wieder Konzile einberiefen und dieselbe Frage diskutierten (Nikaia 325, Konstantinopel 381, Ephesus 431, Chalkedon 451) veranschaulicht dies reichlich. Ich glaube, diese frühen Christen versuchten, in griechischen philosophischen, ontologischen Ausdrücken die christliche Erfahrung des überwaltigenden Zusammenströmens von Menschlichem und Göttlichem in Jesus Hanotzri ausdrücken.


Jedoch war die semitische Welt nicht an der ontologischen Frage interessiert. Juden tendierten eher dazu, axiologische statt ontologische Fragen zu stellen, nicht Fragen über das Sein, sondern über das Tun (“Was musz ich tun, um ewiges Leben zu erlangen?” statt “Was musz ich sein oder glauben, um ewiges Leben zu erlangen?” wurde Jesus gefragt-als Jude). Dies spiegelt sich wider in der gesamten Geschichte und Struktur des Juden­tums; nicht dem Glauben oder der Doktrin gebührt der Vorrang, sondern der Halacha, den ethischen Regeln rechten Handelns.22


Davon ausgehend, dasz die frühen Christen auf ihrem Treffen in Chalkedon das, was sie meinten nicht in der hilfreichsten, klarsten Sprache ausgedrückt haben mögen, möchte ich dann übergehen vom Konjunktiv zum Indikativ:  Ich bin überzeugt, dasz sie sich nicht so klar und hilfreich wie es für alle Zukunft möglich gewesen wäre ausdrückten. Ich schlage vor das, was sie meinten, könnte besser ausgedrückt werden durch Adjektive statt durch Substantive, d.h. statt zu sagen Jesus ist “wirklich Mensch und wirklich Gott”, vere homo et vere Deus, wäre es klarer zu sagen, Jesus ist “wirklich menschlich und wirklich göttlich”, vere humanus et vere divinus. Die paradoxe Qualität der ersten Aussage ist in der zweiten dadurch erhalten, dasz die beiden Worte menschlich und göttlich in gegensätzliche Richtungen zu weisen scheinen, aber die Zusammenstellung der beiden endet nicht in Un-sinn: es ist vorstellbar, dasz jemand gleichzeitig wirklich menschlich und wirklich göttlich ist. Auf welche Weise könnte dies nicht nur möglich sein, sondern war dies tatsächlich über Jesus wahr?


Ohne Frage wurde Jesus nicht nur in den frühesten Schichten der christlichen “Frohen Botschaft” als wirklich menschlich dargestellt und verstanden, sondern auch die “höchsten” orthodoxen christologischen Formulierungen bestanden darauf (wie die von Chalkedon). Aber die Anhänger Jesus, besonders in der Reflexion der nachösterlichen Ereignisse, spürten, dasz Gott in ihm und durch ihn auf auszergewöhnliche Weise wirkte.23 Für sie schien sich Gott durch ihn zu manifestieren. Es schien ihnen, dasz Jesus so völlig offen war für alle Dimensionen der Realität, des Seins (wie alle Menschen, alle intelligenten kognitiven Wesen es im Prinzip ebenfalls sind), dasz er vollständig erfüllt war vom Einströmen des Seins auf eine “radikale” Weise, d.h. “bis in seine Wurzeln”, die auch die “Wurzel”, die Quelle allen Seins einschlosz-in theistischer Sprache: Gott. Somit macht es Sinn zu sagen, dasz Jesus völlig, wirklich göttlich war. Das heiszt, weil er völlig offen für alles Sein und die Quelle des Seins war, gab es keinen Teil von ihm, der nicht durchdrungen war von der Quelle des Seins.


Nun scheint es, dasz an diesem Punkt viele frühe hellenistische Christen den linguistischen Schritt machten zu sagen, da Jesus durchflutet wurde von der Quelle des Seins, von Gott, kann man also auch im vollen Sinne behaupten, er sei wirklich Gott. Aber linguistisch war dies eher ein verwirrender statt klärender Schritt, denn diese Sprache läszt versehentlich darauf schlieszen, dasz die Worte Gott und Jesus das gleiche beschreiben.


Das heiszt: Gott ist unendlich, unbegrenzt während Menschen, sowie alle anderen Lebewesen, endlich und begrenzt sind. Jedoch zu sagen, dasz Jesus Gott ist bedeutet, dasz Jesus, ein menschliches Wesen und daher endlich, nicht endlich ist, sondern unendlich. Oder in anderen Worten: Einen Satz zu formen, der mit dem Bindeglied ist das Subjekt und das Prädikat verbindet, wenn beide Substantive sind und zumindest eines seine Kategorie selbst ausfüllt, kann nur bedeuten, dasz das Subjekt und das Prädikat sich decken. Zum Beispiel, wenn es nur einen Präsidenten der Vereinigten Staaten gibt, bedeutet die Aussage “George Bush ist Präsident”, dasz es keinen George Bush gibt, der nicht Präsident ist und keinen Präsidenten, der nicht George Bush ist; George Bush und der Präsident sind aufeinander begrenzt. Oder: “Jesus ist Gott” bedeutet, dasz es keinen Jesus gibt, der nicht Gott ist und keinen Gott, der nicht Jesus ist; Jesus und Gott sind aufeinander begrenzt.


Aber das war natürlich nicht beabsichtigt denn die Christen wollten nicht implizieren, dasz der unendliche Gott begrenzt war auf Jesus. Um diesen unbeabsich­tigten Un-sinn zu vermeiden, würde es hilfreich sein, die adjektivische Form “göttlich” statt der substantivischen Form “Gott” zu benutzen, da der erste Ausdruck das Unendliche nicht auf das Endliche begrenzt, während der zweite Ausdruck dies tut.


Edward Schillebeeckx vertritt einen ähnlichen Standpunkt wenn er schreibt, “Seit 1953 habe ich mich standhaft gegen die Formulierung ‘Christus ist Gott und Mensch’ gewehrt und auch gegen den verwirrenden Ausdruck ‘der Mensch Jesus ist Gott’. Der richtige Ausdruck wäre: ‘Jesus Christus ist der Sohn Gottes in der Menschheit’. Der tiefste Sinn der Offenbarung ist, dasz Gott sich selbst offenbart in der Menschheit. Wir können nicht hinter, über oder unter dem Menschen Jesus sein Gott-sein suchen. Die Göttlichkeit musz in seinem Menschsein selbst wahrgenommen werden.”24


Um es zu wiederholen:  Zu sagen “Jesus ist Gott”, wenn sowohl das Subjekt als auch das Prädikat, Jesus und Gott, als Substantive verstanden werden, bedeutet ganz offensichtlich, dasz  Jesus und Gott sich decken, d.h. es gibt keinen Jecshua, der nicht Gott ist und es gibt keinen Gott, der nicht Jesus ist. Aber dies ist offenbar nicht, was Christen, ob frühe oder heutige, behaupten wollen. Daher scheint die Folgerung unvermeidbar, dasz Gott in diesem Satz nicht substantivisch, sondern adjektivisch gemeint ist, obwohl Jesus substantivische Bedeutung hat. Um diese klar implizierte, aber verwirrend verdeckte Bedeutung explizit zu machen, wäre es daher sinnvoll, dem Prädikat ausdrücklich adjektivische Form zu geben: “Jesus ist göttlich.” So ein Satz ist kein Un-sinn und scheint genau das zu erfassen, was Christen mit dem verwirrenden Satz “Jesus ist Gott” sagen wollten.


Aber was ist mit den Passagen im Neuen Testament selbst, die klar zu sagen scheinen, dasz Jesus Gott ist und die traditionellerweise so verstanden werden, z.B. Paulus’ Philipperbrief und der Prolog des Johannes-Evangeliums? Können sie genauso entkräftet werden als die Hellenisierung des ursprünglich jüdischen Verständnisses von Jesus?


Sicherlich, wenn wir schon vorzeitig annehmen, dasz die Auffassung von Jesus als die Inkarnation der zweiten Person die seit aller Ewigkeit existierenden heiligen Trinität bereits in der Vorstellungswelt des pharisäischen Juden Paulus Mitte des ersten Jahrhunderts gewesen sein könnte, dann könnten die Worte der Hymne, die Paulus in seinem Brief an die Anhänger Jesu in Philippi zitiert hat, so verstanden werden.25 Aber Paulus schrieb 300 Jahre vor dem Konzil von Nikaia und 400 Jahre vor dem in Chalkedon, auf denen jenes Konzept ausgearbeitet wurde-nicht von Juden, sondern von hellenistischen Christen, die über die Juden und alle anderen im römischen Reich triumphierten. E. P. Sanders stellt heraus: “Es ist wahr, dasz die frühe Kirche zu dem Glauben kam, Jesus sei ein transzendentes Wesen . . . . Aber es wäre natürlich dumm, oder sogar noch schlimmer, daraus zu schlieszen, dasz der historische Jesus mit diesem Glauben über­eingestimmt hätte.”26



9. Prä-existenter Christus?


In der Tat deuten sinnvolle Interpretationsprinzipien darauf hin, dasz die Worte von Paulus so verstanden werden sollten, wie er und seine Leser sie verstehen würden-und auch Paulus war Jude, “ein Hebräer von den Hebräern, nach dem Gesetz ein Pharisäer” (Phil 3,5).


Lange wurde Paulus durch nicht-jüdische Linsen gelesen, und als Konsequenz häufig stark miszverstanden. Erst seit kurzer Zeit lesen Wissenschaftler, christliche und jüdische, Paulus durch jüdische Linsen und kommen dadurch dem, was Paulus tatsächlich meinte und wie er von seinen ersten-meist jüdischen-Lesern verstanden wurde, viel näher. Dies ist ganz deutlich die Methode, der alle ernsthaften Schüler von Paulus folgen müssen.


Geza Vermes stellt heraus,


Einem griechisch sprechenden Menschen in Alexandria, Antiochien oder Athen zur Zeit des Wechsels der Äras wäre zu dem Konzept von huios theou, Sohn Gottes, entweder eines der vielen Kinder einer olympischen Gottheit eingefallen....Aber für einen Juden würde der entsprechende hebräische oder aramäische Ausdruck sich nicht darauf bezogen haben. Für ihn konnte Sohn Gottes sich...auf einen guten Juden beziehen; oder auf einen charismatischen heiligen Juden; oder auf den König Israels; oder....In anderen Worten wurde “Sohn Gottes” in jüdischen Kreisen immer metaphorisch verstanden.


Er fährt fort mit der sehr interessanten Beobachtung, “Wenn das Medium, in der christliche Theologie sich entwickelte, hebräisch und nicht griechisch gewesen wäre, hätte es nicht die Inkarnationslehre so hervorgebracht, wie sie traditionell verstanden wird.”27


Diese Position wird von dem christlichen Exegeten James Barr untermauert, der argumentiert, dasz Paulus und andere Juden wahrscheinlich die hyperbolischen Bezüge auf Jesus von Paulus in typisch jüdischer metaphorischer Art verstanden, sie aber von hellenistischen Ohren wahrscheinlich zu einem nicht metaphorischen Sinn verfälscht wurden:


Wahrscheinlich könnte man argumentieren, dasz diese Betonung auf den hebräischen Hintergrund tatsächlich in den Köpfen gebildeter Juden wie des St. Paulus präsent war, aber dasz die Worte, die diese Reihe von Assoziationen für ihn hatten zum gröszten Teil von nicht-jüdischenchristlichen Hörernim normalen hellenistischen Sinn der Worte verstanden werden konnten, besonders von den weniger gebildeten unter ihnen.28


Tatsächlich waren die Juden-Christen, die sogenannten Eboniten “überzeugt, dasz sie in den hellenistischen Gruppen eine fatale Verfälschung von Jesus erlebten, ein Verrat seiner Ideale, und den Austausch durch fremde Konzepte und Bemühungen.”29


Auszerdem heiszt es in der Apostelgeschichte, dasz Paulus die christliche Kirche in Philippi gründete, nachdem er zunächst am Sabbat-Abend zu dem “jüdischen Gebetsort” (Apg 16,13) gegangen war, wo die ersten Bekehrten versammelt waren. Natürlich waren die Leute, die er dort traf entweder Juden oder nicht-jüdische “Mitreisende”, d.h. Nicht-Juden, die von der jüdischen Tradition und Lebensstil angezogen waren (in der Apostelgeschichte heiszen sie “Gottesfürchtige” oder “Gottesgläubige” oder einfach “Griechen”). So waren es diese beiden Gruppen, aus denen der Hauptteil der ersten auszerhalb Palästinas gegründeten christlichen Kirchen bestand, einschlieszlich der Kirche in Philippi, die Paulus gründete, an die er schrieb und die sich im Haus der Gottesgläubigen Lydia traf. Daher müssen die Worte von Paulus verstanden werden als von einem strengen Juden gerichtet an eifrige Juden oder fromme Nicht-Juden, die bewandert und eingebunden waren in Bibel und Judentum. Mit diesem Wissen vor Augen lassen Sie uns wieder den relevanten Teil der Hymne ansehen:


Deine Gesinnung soll wie die von Jesus Christus sein.

Obwohl er göttliche Gestalt besasz,

hielt er Gottesgleichheit nicht

für etwas, nach dem er greifen wollte.

Statt dessen entäuszerte er sich selbst

und nahm die Gestalt eines Sklaven an,

er wurde geboren im Menschenbild . . . .

Deswegen wurde er von Gott erhöht . . . .


Heute meinen viele sorgfältige Exegeten, in dieser Hymne eine “Adam-Christologie” zu erkennen, wie sie zur paulinischen Zeit vorherrschend war. “Göttliche Gestalt” zu haben ist nichts anderes als Adam, der als “Ebenbild Gottes” (Gen 1,26) geschaffen wurde, und statt zu “greifen nach” dieser Seinskategorie, d.h. nach der “Gottesgleichheit” vor dem Sündenfall (der passierte, weil Adam “danach griff” zu sein, sein wollte “wie Gott”-Genesis 3,5), entschied er sich, dem Weg Adams vollkommen zu folgen, um ihn auszulösen, sich selbst zu demütigen und die “Gestalt eines Sklaven” anzunehmen (Adam nach dem Sündenfall). Damit wird in dem Gedicht die Symmetrie, die immer in hebräischer Poesie auftaucht vervollständigt. Gegen Ende des Gedichts hat Gott (nicht eine Person der Trinität, sondern einfach “Gott”, ho Theos) ihn “erhöht”, nicht etwa “wiederhergestellt”; Jesus Christus hat nicht seinen vermeintlichen früheren göttlichen Platz “zurückgenommen”. Jesus Christus ist hier für den Juden Paulus und seine jüdischen und halb­jüdischen Leser deutlich der “zweite Adam”, nicht die präexistente “zweite Person” der Trinität.30



10. Logos Theologie


Und was ist mit dem Prolog zum Johannes-Evangelium, wo es heiszt: “Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott ....und das Wort wurde Fleisch” (Jh 1,1.14)? Wiederum musz hier im Auge behalten werden, dasz hier ein Jude hauptsächlich für Mitjuden schreibt. Man musz sich auch daran erinnern, dasz verschiedene Figuren und Bilder in biblischen und frühen jüdischen Schriften benutzt wurden als literarische Bilder für den unsichtbaren Gott als für die Menschen sichtbar gemacht. Da ist der Geist Gottes, der bereits in Genesis 1,1 über der Dunkelheit in der Schöpfung schwebt, dann die Weisheit, die in der Schöpfung gegenwärtig ist (Prov 8,22f; Sir 24,9). Tatsächlich sehen viele Wissenschaftler den Prolog des Johannes-Evangeliums als ursprünglich weitgehend eine Hymne and die Weisheit, wobei das Wort und auch Jesus für Weisheit ersetzt wurden. Wenn wir einen Vergleich ziehen zwischen dem Prolog und die Rolle der Weisheit wie sie in den hebräischen Schriften gefunden wird zusammenziehen, wird die Verbindung offensichtlich:


Weisheit wurde von Gott am Anfang geschöpft; verborgen in Gott und in den Himmeln wohnend; Weisheit, die als Mittler (oder Instrument) diente, war bei der Schöpfung präsent; sie kam zur Erde, gesandt sowohl Israel als auch die ganze Menschheit zu rufen; von ihnen hörten einige auf sie, aber die meisten taten es nicht; abgelehnt von der Menschheit und keinen Ruheplatz findend kehrte sie zurück, um mit Gott zu wohnen.31


Weiterhin gibt es das Bild von Gottes Wort, das in vielen biblischen (Dabar, Hebräisch) und nachbiblischen (Memra, Aramäisch) Texten Gott für die Menschheit ausdrückt, ebenso wie Gottes Tora (Gesetz) sowohl in biblischen als auch in nachbiblischen Texten, und auch Gottes Gegenwart (Shekhinah) in nachbiblischen jüdischen Schriften. Im Kontext dieser Überfülle jüdischer Bilder für Gottes den Menschen zugewandte sichtbare Seite schrieb Johannes und wurde von seinen jüdischen Lesern verstanden. All dies waren Metaphern und nicht etwa ontologische Tatsachen, und dies gilt ebenso für den johannäischen Logos, das Wort (dabar, memra).


Für die Juden bedeutete das Wort Gottes, dasz Gott sprach: Gott sprach und die Welt wurde erschaffen. Die Tora war das Wort Gottes-und tatsächlich heiszen die 10 Gebote, der Dekalog, Gottes “10 Worte”. Gott sprach zu Israel durch die Propheten hunderte von Jahren lang. Kurz gesagt, die gesamte jüdische Erfahrung mit Gott war, dasz Gott sprach, sein Selbst ausdrückte, sein Selbst für seine Beziehung mit den Menschen anbot. “Dieser Selbst­ausdruck Gottes begann schon lange Zeit vor Jesus. Er ging zurück soweit die Menschheit denken konnte. Es schien, dasz Gott immer schon gesprochen hatte, seit dem Anfang der Welt”.32 Daher erschien es den Juden, dasz das Wort-wie auch Weisheit und Geist-von Anfang an bei Gott gewesen ist und-wiederum wie Weisheit und Geist -Gott war, wie er von den Menschen verstanden wurde; es “drückte Gottes eigenes Selbst aus, und derjenige, der dem Wort begegnete, begegnete Gott”.33


Und warum haben diese frühen Juden Jesus als Gottes Wort, das Fleisch geworden war, betrachtet?  Weil ihre Erfahrung mit Jesus war, dasz Gott durch ihn transprarent wurde:


Alles, was Gott jemals gesagt hat, ist zusammengefaszt in Jesus. Alles ist in ihm gesagt, jedes Wort. Nicht nur die Lehren von Moses und den Propheten sind zusammengefaszt in der Lehre Jesu, sondern alles, was Gott darüber offenbaren will, wer Gott ist zeigt sich in dem, was Jesus für uns ist. Jesus ist nicht nur jemand, der uns zufällige Worte in Gottes Namen zu sagen hat. Er ist in allen Dimensionen seines Lebens Gottes Selbstoffenbarung. So wurde das Wort Gottes Fleisch in einem Menschen... So stellen heute Wissen­schaftler die johannäische Version wieder her.34



11. Der Dialog schlägt eine Lösung vor


Ich würde hier gerne eine mögliche Lösung, die aus interreligiösen Dialog gekommen ist, für das offenbar überwältigende Problem zwischen Christen und Nicht-Christen, und für heutiges Denken im allgemeinen, zu dem christlichen Anspruch des Zusammenflieszens von Menschlichem und Göttlichem in Jeschua Hanotzri. Dieser Dialog fand allerdings nicht zwischen Christentum und Judentum, sondern zwischen Christentum und Buddhismus statt.


Als Ergebnis seines langwährenden Dialogs mit Buddhismus unterscheidet der japanische Christ Katsumi Takizawa (1909-1984) zwischen was er als den ersten und den zweiten Vertrag Gottes mit dem menschlichen Selbst bezeichnet. Der erste Vertrag ist die bedingungslose Tatsache, dasz Gott mit jede/r/m von uns ist, und dies ist der Grund unseres Selbst. Dieser “Kontakt” ist real, selbst wenn wir uns selbst dessen nicht bewuszt sind. Der zweite Kontakt taucht auf, wenn wir uns eben dieser Urtatsache bewuszt geworden sind und “dem Selbst in bewuszter Übereinstimmung mit dem Willen Gottes zu leben” erlauben.35


Nach Takizawa war Jesus ein Mann, der sich dieser Urtatsache bewuszt geworden war-d.h. er erlangte den zweiten Kontakt und tat dies so gründlich und vollkommen, dasz er zu einem Modell wurde für andere . . . . Jesus war der Mensch, der in der hebräischen Tradition dieselbe Rolle spielte wie Gautama Buddha in der indischen. Der Grund der Erlösung ist der Urkontakt Gottes mit dem Selbst, und dies ist der gemeinsame Grund von Buddhismus und Christentum.